Eigentor: Wenn Medien-Profis übers Bloggen reden
“Verändern Leserreporter und Blogger den Journalismus?” war das Thema einer Viererrunde beim Deutschlandfunk am gestrigen Abend. Mit dabei: Tissy Bruns vom “Tagesspiegel”, Siegfried Weischenberg (Wissenschaftler, Ex-Gewerkschaftler), Manfred Bissinger, Publizist- und Ex-Blattmacher und Hans Janke vom ZDF.
Unter anderem wird auch viel Kritik an der Bloggerei geäußert, etwa das Informationen ungeprüft übernommen werden. Bissinger dazu:
…das wird ja nicht mehr nachgeprüft, da rülpst einer, und das wird dann sozusagen gesendet. Ich finde das eine grauenvolle Entwicklung.
Passend dazu mein Lieblingszitat aus der Runde, ausgerechnet von Siegfried Weischenberg:
Bei den Blogs gibts welche, die erscheinen praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Man muss wissen, mit 450 Zugriffen im Monat kommt man unter die 100 erfolgreichsten Blogs in Deutschland *allgemeines Gelächter*
Hierbei geht es um eine Grundtugend des Journalismus, dass etwas nämlich nicht nachgeprüft wird und sich nicht die grundlegende Frage “Stimmt es überhaupt” oder “Ist das plausibel” gestellt wird. Man sollte, wenn man in eine solche Talkrunde geht schon ein Gefühl dafür haben, ob eine Information so stimmen kann oder nicht, eine Eigenschaft die grundlegend für einen Journalisten ist.
Allerdings: Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich nur um einen Versprecher Siegfried Weischenbergs handelt. Ich hoffe es zumindest. Dass in der Runde jedoch niemand diese vermeintliche Tatsache in Frage stellt, ist allerdings ein klares Zeichen für ziemliche Ahnungslosigkeit.
Eine ausführlichere Kritik des Gesprächs gibts bei Stefan Niggemeier inklusive mp3-Download.
Nachtrag: Die Zahl 450 basiert auf einer Grafik von Jan Schmidt, der sich wissenschaftlich mit Weblogs beschäftigt. Sie gibt die Anzahl der Vistis desjenigen Blogs an, das sich am 24.9.2006 auf dem Platz 100 im blogscout-Ranking befindet. Wie Schmidt erklärt dient die Grafik dazu die Aufmerksamkeitsverteilung bei Weblogs zu beschreiben. Es ist also erstens falsch, dass es sich um monatliche Zahlen handelt, und zweitens kann die Grafik nicht zu einer Beschreibung der absoluten Reichweite von Blogs in der deutschen Blogosphäre genutzt werden (dazu ist sie ja auch nicht gedacht), da blogscout nur einen Teil der deutschen Blogosphäre erfasst. Danke an mspro für den Hinweis ;)
Nachtrag 2, 29.05: Thomas Knüwer von Indiskretion Ehrensache hat einen offenen Brief/Mail an Siegfried Weischenberg geschrieben. Sollte dieser Brief genug Aufmerksamkeit bekommen, wäre die unsägliche Geschichte mit den “450 Zugriffen im Monat” hoffentlich endlich vom Tisch.
26. Mai 2007 um 00:53
das ist kein Versehen, nicht das erste, nicht das zweite, nicht das dritte Mal.
26. Mai 2007 um 01:00
Ah Danke schön, das ist eine sinnvolle Ergänzung :)
26. Mai 2007 um 01:17
Hm, 450 Zugriffe im Monat und zu den erfolgreichsten Blogs gehören. Also bei mir sinds immerhin rund 400 pro Tag. Und in welchen Charts genau tauche ich da auf?
26. Mai 2007 um 01:21
@Robert: Schau mal in den Nachtrag oder die Links von mspro, da ist die Erklärung :)
26. Mai 2007 um 01:37
bitte etwas mehr auf rechtschreibung achten. zwei mal “das” statt “dass” und “rechweite” sind kein adäquates aushängeschild. aber ich bin mir sicher, dass es sich hierbei nur um einen schriftlichen “versprecher” handelt ; )
26. Mai 2007 um 01:51
@nello: Danke fürs Redigieren, würdest Du das ehrenamtlich fortführen wollen ;)
Solche Tippfehler in der Art wie “Rechweite” sind mir allerdings auch schon bei den “Großen” im Netz aufgefallen, was natürlich keine Entschuldigung sein soll.
26. Mai 2007 um 03:18
Also ich bin kein Journalist, sondern nur Hobbyblogger - und selbst das erst seit einem Monat - insofern kenne ich mich in der “Szene” auch nicht wirklich gut aus.
Aber in meinen Augen schwingt in den abwertenden Einschätzungen der “traditionellen” Schreiber eine ziemlich ausgeprägte Angst vor den Bloggern mit. Denn meiner Meinung nach ist dieses Geringschätzen nicht ausschließlich ein Produkt von Inkompetenz und mangelndem Wissen/Begreifen der Zusammenhänge.
26. Mai 2007 um 11:06
[…] laut mehrerer Berichte nicht wirklich kompetent herüberkahmen. Denn der Medienblogger meint dazu Eigentor: Wenn Medien-Profis übers Bloggen reden, während Stefan Niggemeier seinen Artikel Blinde sorgen sich um Zukunft der Farbe […]
26. Mai 2007 um 11:19
Ich denke es ist weniger Angst und tatsächlich völliges Desinteresse an dem, was hier statt findet.
Man sollte nicht vergessen, dass Blogs in Deutschland eben keine Medienmacht sind wie in anderen Ländern. Wenn sich eine Falschinformation wie die Leserzahlen so hartnäckig halten, dann ist das ein Beweis eher dafür, dass sie sich nicht einmal mit Grundlegendestem befassen.
Und für die selbstgefällige Arroganz der das immer wieder verbreitetenden Journalisten.
26. Mai 2007 um 14:05
“eine ziemlich ausgeprägte Angst vor den Bloggern mit.”
Das glaube ich nicht so eigentlich. Das Geringschätzen kommt eher daher, dass es in den Augen vieler Journalisten einfach nicht sein kann, dass jemand der in 1 Stunde ein Worpress-Blog aufsetzen kann, einfach so diesselbe Tätigkeit ausführt wie ein fest angestellter Journalist in einer Redaktion.
Das sich die Aussage mit 450 Zugriffen monatlich so hartnäckig hält, da bin ich auch überrascht. Gerade Siegfried Weischenberg sollte es eigentlich besser wissen. Hoffen wir, dass seine Hamburger Studenten da energisch widersprechen wenn er solche Zahlen im Seminar kolportiert.
26. Mai 2007 um 21:56
[…] [via Medienblogger] […]
26. Mai 2007 um 23:59
Die Relevanz eines Blogs ließe sich sehr leicht feststellen, wenn jeder Aufruf etwas kosten würde, und wenn es nur 10 Cent wären. Wetten, dass die meisten Blogger im Monat nicht mal einen Euro einnehmen würden.
29. Mai 2007 um 19:15
[…] Währenddessen hat Thomas Knüwer, wie bereits an andere Stelle ergänzt, eine offene Mail an Journalistik-Professor Siegfried Weischenberg geschrieben, der ebenfalls an der Diskussionrunde teilnahm. Weischenberg hatte behauptet, man käme mit 450 Zugriffen im Monat unter die Top100-Blogs in Deutschland (wie berichtet). […]