Die lieben Anzeigenkunden

In einem Beitrag berichtete das ZDF-Magazin frontal 21 am Dienstag über den zunehmenden Einfluss der Anzeigenkunden auf die redaktionellen Inhalte von lokalen Tageszeitungen.
Moderator Theo Knoll ließ sich die Chance nicht nehmen in der Anmoderation des Beitrags ein paar Lobeshymnen auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, seine vermeintliche Unabhängigkeit und seine Recherche-Qualitäten zu singen. Geschenkt.

Viel neues gab es im Beitrag dann nicht. Das Problem ist ohnehin seit Jahren aktuell. Viele Beispiele aus dem Film kamen mir seltsam bekannt vor. So meinte mal ein Redaktionsleiter sinngemäß zu mir: “Diesen Sommer haben wir ja einen richtigen Reiseboom, damit machen wir morgen auf. Ruf doch mal ein paar Reisebüros an, was die dazu meinen, am besten die Anzeigenkunden.” Und vor kurzem diskutierte ich mit einem lokalen Unternehmer über einen Artikel einer Kollegin, welcher dem Herren so gar nicht gefallen hatte. Verständnis für Freiheit der Presse gab es da keine. Statt dessen solle man sich doch lieber gut stellen mit dem, der seine Brötchen (Anzeigen) bezahlt, hörte ich aus dem Gespräch heraus. Und oftmals gehen Redaktion auf solche Drohungen ein.

Während junge oder freie Journalisten (so wie ich etwa) zum Teil die Wahl haben, nicht auf solche Drohungen zu hören oder auch mal auf Konfrontation mit dem Redakteur zu gehen, der in Gedanken schon einen wohlwollenden Artikel ins Blatt hebt, ändert sich die Sache schnell, wenn man irgendwann fest angestellt ist. Teilweise schon betriebsblind, um den eigenen Arbeitsplatz fürchtend oder einfach ernüchtert heben viele Lokalredakteure heutzutage Artikel ins Blatt, die früher im Mülleimer gelandet wären. Solcherlei Prinzipientreue kann sich heutzutage kaum eine Redaktion leisten. Irgendwie kriegt man es als erfahrener Redakteur zur Not ja auch so hin, dass es nicht ganz so arg nach PR aussieht. Zur Not wird in Kooperation mit dem Anzeigenleiter eine publizistische Bedeutung der Eröffnung des neuen Einkaufszentrums heraufbeschworen.

Die Lokalzeitungen, von den großen Verlagen wie etwa Holtzbrinck zu Gunsten der “Premiumprodukte” ohnehin stiefmütterlich behandelt, schauffeln dabei an ihrem eignen Grab mit. Und man kann es den Akteuren oftmals nichtmal zum Vorwurf machen. Vielerorts wird noch das Beste aus der Situation gemacht. Eine Zeitung die ihren Nachrichtenwert zum großen Teil aus den PR-Abteilungen und von ihren Anzeigenkunden bezieht, wird irgendwann nicht mehr lesenswert sein. Dann ist es endgültig aus mit dem lokalen Qualitätsjournalismus. Und den braucht es ebenso wie Die Zeit, Cicero oder den Spiegel.

4 Kommentare zu “Die lieben Anzeigenkunden”

  1. Gangarth schreibt:

    Das ist für mich alles nichts wirklich Neues. Das findet man aber nicht nur bei den Lokalzeitungen, sondern allen Printmedien und auch TV-Sendern.

  2. Thomas Arndt schreibt:

    Private TV-Sender dürfen unter Umständen Schleichwerbung machen:

    http://www.medienblogger.net/index.php/gedrucktes/verleger-finden-schleichwerbung-im-tv-doof/

  3. cdv! schreibt:

    Als Lokalredakteur (vor vielen Jahren) hatte ich keine Schwierigkeiten mit den Unternehmen, auch nie mit meinen Chefredakteuren. Geben und Nehmen war das Stichwort, immer fair bleiben. Selbst die Unternehmen, die mal nicht gut wegkamen, konnten damals gut damit leben. Heute bin ich PR-Berater, und muß meine Kunden ewig lang briefen, weil es sehr häufig kaum noch Lokalredakteure gibt, die Mut haben, ihren geraden Weg zu gehen. Erkenntis zudem: Die lokale Wirtschaft ist in den redaktionellen Beiträgen verschwunden, weil sich die Redakteure dem Diktat der Anzeigenabteilung unterworfen haben. Über Unternehmen und Business in der Stadt zu berichten heißt, die Menschen zu beachten, die dort arbeiten. Und die wollen sich dort auch wiederfinden. Zu Recht.

  4. Der Hype um das iPhone-medienblogger schreibt:

    […] denen aus auch oft zur (unfreiwilligen) Vermischung von Werbung und Redaktionellem kommt (wie ich hier aus eigener Erfahrung […]

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