9Live und der Hot Button: Eine unendliche Geschichte

Kaum das Aktuellste zu 9Live gebloggt, trudelt die sehr sehr lange Pressemitteilung von 9Live zum Thema Hotbutton, Gewinnchancen und bayerische Medienwächter ein.

Im Folgenden sollen die Grundpunkte des Verfahrens und der Argumentation von 9Live (die sehr sehr clever ist) dargestellt werden und nochmal auf die eigentlich Problematik und das Versäumnis der Landesmedienanstalten eingegangen werden:

Nachdem 9Live erklärt wie der technische Vorgang des Hot Buttons funktioniert, kommt eine zentrale Aussage des Textes:

Die Aktivierung des Zufallsmechanismus “Hot Button” erfolgt - im Rahmen der der BLM bekannten Richtlinien - “aufgrund einer autonomen Entscheidung des Redakteurs.”

Dies überschneidet sich mit der Selbstdarstellung des “Hot Buttons” von 9Live gegenüber seinen Zuschauern im Teletext und im Internet:

Im ‘Hot-Button-Modus’ wird zu einem beliebigen Zeitpunkt, entweder innerhalb eines vorgegebenen Zeitfensters oder ohne zeitliche Begrenzung (sog. ‘offener Hot Button’), nach Aktivierung eines technischen Auswahlmechanismus ein Anrufer ausgewählt, der gerade in diesem Moment anruft.

Nochmal im Klartext: Ein Redakteur bestimmt, wann der Hot Button zuschlägt, welchen Zuschauer der Hot Button dann auswählt, ist Zufall. 9Live betont, dass dieses Vorgehen erstens schon jahrelang bekannt sei, auch der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM) und zweitens sich im Einklang mit den Richtlinien der BLM und anderer Medienanstalten für solche Gewinnspiele befindet.

Das ist formal richtig, jedoch problematisch, da viele Kritiker davon ausgehen, dass viele Zuschauer eben denken, der Hot Button könnte jederzeit innerhalb einer dreistündigen Sendung zuschlagen. Dem ist jedoch nicht so (Anmerkung: 9Live behauptet, dass der Mechanismus so funktioniert, dass auch Anrufer, die vor dem Auslösen des Hot Buttons angerufen haben, eine Chance bekommen; Nachtrag siehe dazu auch Stefan Niggemeier).

Jetzt zum aktuellen Fall (Moderatorin Alida Gundlach hatte die Redaktion aufgefordert, mit dem Durchstellen eines Anrufers zu warten). Dazu 9Live:

Es sei damit ganz offensichtlich, dass es allein der Redakteur ist, der eigenverantwortlich und nach strengen Maßstäben die Entscheidung über die Aktivierung des Zufallsmechanismus “Hot Button” trifft: “Richtigerweise ist er angewiesen, sich dabei von niemandem - sei es auch eine Moderatorin - beeinflussen zu lassen.”

Diese Argumentation ist völlig sinnlos (aber clever), da es an der Sache nichts ändert. Es ist völlig unerheblich, ob der Redakteur alleine entscheidet, “wann 9Live genug Geld verdient hat”, um vom Zufall einen Anrufer auswählen zu lassen, oder ob ihn jemand darauf hinweist, da der Redakteur logischerweise diesselbe Interesse hat wie alle anderen bei 9Live auch und nicht vor dem Sender geschützt werden muss.

Nun stellt sich die Frage, ob die Entscheider in den Landesmedienanstalten begriffen haben, wie dieser Zufallsmechanismus funktioniert. Ich hoffe nicht, dass die Medienwächter fälscherlicherweise annehmen, dass der Hot Button jederzeit zuschlagen könnte, um mal das zu verdeutlich mal zwei Versionen von fairem, chancengleichen Call-TV:

Alternative Version: Ein Zufallesmechanismus entscheidet, wer durchgestellt wird. Dieser Mechanismus wird zu Beginn der Sendung angestellt und läuft dann. Entsprechend seiner Programmierung wählt er zum Beispiel mit einer Chance von 1:2000 einen zufälligen Anrufer aus. Niemand weiß, auch nicht 9Live, wann genau der Hot Button zuschlägt.

Version 9Live: Der Hot Button wählt zufällig einen Anrufer aus, sobald ein 9Live-Mitarbeiter entscheidet: Jetzt!

Nun ist die Frage, ob es hier Regelungsbedarf gibt. Viele glauben ja: da der Zuschauer insofern getäuscht wird, als das er annimmt (das unterstellen die Kritiker; 9Live sagt, man kann die Funktionsweise nachlesen), jederzeit könnte der Hot Button zuschlagen, unabhängig von den Interessen von 9Live: die Zuschauer so lange wie möglich hinzuhalten.

Die Medienwächter haben hier in den letzten Jahren versagt, eine Regelung zu finden, die die Gewinnchancen der Zuschauer und das legitime Profit-Interesse von 9Live über einen Zufallsmechanismus in Einklang bringt, der wirklich chancengleich, fair und transparent ist.

Mehr Hintergründe und eine ausführliche Bewertung der 9Live-Mitteilung auch bei Stefan Niggemeier.

4 Kommentare zu “9Live und der Hot Button: Eine unendliche Geschichte”

  1. Lara van Antwerpen schreibt:

    9Live sammelt durch Telefonanrufe Geld. Den größten Teil des Tages und der Nacht. Damit die Leute anrufen, werden Gewinne versprochen. Im Verhältnis zu den 50 Cent sind die Summen nicht schlecht. Wer investiert nicht gerne einen halben Euro, wenn ihm 1.000 Euro versprochen werden.
    Jeder weiß, dass nicht jeder Anruf gewinnt. Aber man kann ja Glück haben. 9Live gibt etwa ein Fünftel seiner Einnahmen an die Anrufer zurück. Wenn ich für 100 Euro anrufe, bekomme ich im Durchschnitt 20 Euro wieder. Es kann auch mal mehr sein, aber auch weniger, z.B. Null Euro.
    9Live könnte einfach sagen: ruft fleißig an, einfach so. Wir blenden unsere Telefonnummer ein. Wenn wir 5.000 Euro eingesammelt haben, also 10.000 mal angerufen wurde, geben wir 1.000 an einen Anrufer zurück. Vielen Dank an die 9.999 anderen für ihre Anrufe.
    Meine Chance beträgt 1 zu 10.000. Würde ich so oft anrufen, würde mich das 5.000 Euro kosten. Dann bekäme ich 1.000 Euro zurück.
    That’s 9Live!

  2. Thomas Arndt schreibt:

    Fest steht, dass eine Regelung getroffen werden sollte, die einen Teil der Zuschauer vor ihrer eigenen Dummheit/Gutgläubigkeit schützt. Das ist meiner Ansicht nach auch Aufgabe der Landesmedienanstalten, die aber selber wohl nicht so richtig wie wissen, wie der Laden funktioniert.

  3. Der “Hot Button” schlägt zurück! | CALL-IN-TV BLOG schreibt:

    […] Wunder, daß im Internet - ob im Call-in-Forum, bei Stefan Niggemeier oder im Medienblog die 9Live-Pressemitteilung genüßlich zerpflückt wird und in den Comments die Emotionen […]

  4. Callactive fairer als 9Live?-medienblogger schreibt:

    […] von vorn: Schauen wir nochmal auf die Argumentation von 9Live, die ich hier beschrieben hatte: De Facto hat 9Live mehr oder weniger zugegeben, dass ein Redakteur Einfluss auf den Punkt hat, an […]

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