Berechnendes Kommunikationsdefizit als Eva-Prinzip?

Sie hat Autobahnen gesagt, sie hat Autobahnen gesagt! Große Empörung bei Margarethe Schreinemakers und Senta Berger in der Talkrunde bei Johannes B. Kerner an diesem Abend. Eva Herman ist zu Gast. Eva Herman, der man unterstellt hat, sie habe den Nationalsozialismus gelobt. Eva Herman, die für manch eine intellektuelle Feministin schon die Reinkarnation von Eva Braun darstellt.

Und jetzt auch noch die Autobahnen! Auf den Vorwurf, sie würde den Begriff von der gleichgeschalteten Presse ebenso unglücklich verwenden, wie die Sache mit der Familienpolitik, hatte Herman sinngemäß entgegnet, man dürfe dann auch nicht auf den Autobahnen fahren, die die Nazis gebaut haben. Ein Klassiker. An diesem Punkt der Sendung muss man sich fragen: Kann sie wirklich so dumm sein? Vermutlich ist die Antwort ja, denn es kann unmöglich Teil einer berechnenden Strategie sein, sich selbst über erneute Empörung und Schlagzeilen in die Operrolle zu drängen.

“Ich muss einfach lernen, dass man über den Verlauf unserer Geschichte nicht sprechen kann, ohne in Gefahr zu geraten”, sagt Herman später auf die redundante Frage des Moderators, ob sie sich den gar nichts vorzuwerfen hätte. Und Schreinemakers ist völlig außer sich. Das geht doch nicht!

Was im ZDF an diesem Abend geschieht ist seltsam. Denn der Punkt, und das wird auch am Anfang durch ein entsprechendes Tondokument klar gemacht, ist der folgende: Eva Herman hat (anders in den Medien und auch auf diesem Weblog berichtet) nicht die Familienpolitik der Nazis gelobt: Im Gegenteil, ihr Punkt ist, eine Entwicklung aufzuzeigen, die sukzessive den Niedergang eines Frauen- und Familienbildes und damit verbundener Werte beschreibt. Werte, die Eva Herman gut findet, und auch gut finden darf.

Was sie gesagt hatte, war nichts anderes als folgende: Zuerst haben die Nazis das Familienbild missbraucht und damit entwertet, was dazu führte, dass auch die 68er sich mit den Werten vor dem Nationalsozialismus nicht mehr identifizieren konnten und wollten und das klassiche Familienbild ablehnten. Das geht eigentlich unmissverstädnlich aus dem Originalzitat von Eva Herman hervor.

Nun könnte man vorab sagen: Wir wissen, dass Eva Herman sowohl falsch zitiert als auch verstanden wurde, sehen wir dies als gegeben an. Doch selbst ein im Studio anwesender Historiker behauptet erneut, Eva Herman habe ganz klar die Familienpolitik der Nazis gelobt. Das ist schlichtweg falsch, und es kann eigentlich nichtmal so verstanden werden, dass eine solche Intention mit einer missverständlichen Formulierung beabsichtigt war.

Eva Herman verlässt dann nach Aufforderung das Studio, Kerner flachst für den Rest der Sendung lieber mit Comedian Mario Barth herum. Schreinemakers findet es dann zum Beispiel toll, das Mario Barth in der Frühe 500 Kilometer mit seiner Freundin fährt, um Handtaschen zu kaufen.

Aus dem Scheitern der Diskussion mit Eva Herman und der wiederholten Unterstellung, sie würde rechtsextremem Gedankengut nahestehen (obgleich jeder interessierte Zuschauer etwa anhand des Zitats die Medienlogik und den deutschen sich mimisch, akkustisch und gestisch in Schreinemakers äußerdenem Schuldkomplexes deutlich machen kann) bleibt eine Erkenntnis über die Medienlogik und die Art und Weise wie mit der Keule Nationalsozialimus politisiert wird zurück.

Die Frage ist nur, von welcher Seite?

Unterstellen wir mal etwas verschwörerisch, Eva Herman hätte dies alles beabsichtigt. Das nachweislich falsche Zitat, die verschwunden Videobänder, das in die Rechte Ecke gedrängt werden - dann hätte sie jetzt gewonnen. Denn in der Art und Weise, wie an diesem Abend mit ihr umgegangen wurde, was natürlich auch sinnbildlich für den Umgang der Medien allgemein steht, kann man eigentlich nur Symphatie für sie gewinnen.

Ist es nicht berechnend, sondern nur einfach nur dumm und unglücklich, dass sie in diese Rolle geraten ist, dann wundert man sich doch, warum es Kerner nicht gelingt, sie vor sich selbst zu schützen und die Debatte in eine andere Richtung zu führen.

Johannes B Kerner hat Eva Herman immer wieder gefragt, ob sie sich selbst denn gar nichts vorzuwerfen hätte. Die Frage könnte man an die Medien und insbesondere an Johannes B. Kerner zurückgeben.

Nachtrag 10.10.07: Mit 3,56 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 18.1 Prozent erzielte die Talkshow mit dieser Sendung die besten Einschaltquoten der Sendung im laufenden Jahr. (Quelle)

11 Kommentare zu “Berechnendes Kommunikationsdefizit als Eva-Prinzip?”

  1. thomas schreibt:

    Vielleicht sollte beim ZDF einmal ernsthaft darüber nachgedacht werden, J B Kerner von seiner Talkshow- Bürde zu entbinden.
    Das inquisitorische “Niveau” dieser Sendung markiert einen neuen Tiefpunkt an Selbstgerechtigkeit. Einfach nur noch peinlich !

  2. Thomas Arndt schreibt:

    Eva Herman ist halt stur. Ich verstehe was sie meint, und eigentlich versteht es auch jeder. Und weil sie es so meint, bleibt sie auch dabei. Was Kerner und den Medien vorzuwerfen ist, ist das sie das nicht erkennen und nichtmal mit der Nazischeiße aufhören, und die eigentliche These, dass bestimmte Werte mit dem NS angeschafft wurden (wie Herman sagt) diskutieren.

  3. Robert schreibt:

    Johannes B. Kerner wirft Eva Herman aus seiner Show raus. Was für eine Schlagzeile! Aber auch ein Beispiel für eine von vorn bis hinten missglückte Sendung, für ein journalistisches Desaster, für eine redaktionelle Fehlleistung.
    Natürlich: Eva Hermans leichtfertig dahingeplapperte Äußerungen, die die deutsche Geschichte und das Dritte Reich betreffen (”Wenn man nicht über Familienwerte der Nazis reden dürfe, könne man auch nicht über die Autobahnen sprechen, die damals gebaut wurden.”), gehen so gar nicht. Dennoch: Dass Johannes B. Kerner Eva Herman nach etwa 50 (von 75) Minuten bat, zu gehen, zeigte deutlich das Unvermögen, ordentlich an dieses sehr schwierige Thema ranzugehen.
    Es kann einfach nicht sein, dass Eva Herman in eine Runde gesetzt wird, in der Senta Berger das Buch nicht kennt. In der Mario Barth so oder so nicht viel zu sagen hat. In der vielleicht noch Margartehe Schreinemakers einigermaßen kompetent ist. Dazu im Publikum ein Historiker. Wo waren die Fachleute? Therapeuten? Familienspezialisten? Mütter aus dem normalen Leben? Wo war ein kompetenter Politiker in der Runde? Man kann doch so ein Thema nicht journalistisch angehen, in dem man Eva Herman in die keifende Runde setzt! Was ist das für eine redaktionelle Planung? Hier scheinen alle Seiten das Thema komplett unterschätzt zu haben. Und noch viel mehr, welche Auswirkungen das Gespräch haben würde.
    Warum wurde die Show nicht zweigeteilt? Wie schon hin und wieder praktiziert, hätten die Gäste nach dem Herman-Thema (fast) komplett ausgetauscht werden können. Das wäre ein klarer Schnitt gewesen und hätte dem Zuschauer die Gelegenheit gegeben, eine ausgewogenere Diskussion mit kompetenteren Leuten zu verfolgen.
    Aber das, was sich da am Dienstagabend im ZDF abspielte - das war eine journalistische Ohrfeige. Erschreckend. Offenbar in keinster Weise von der Redaktion vorausgedacht - mitgedacht.
    Deshalb war der Rauswurf nach Hermans Äußerungen in dieser Situation vielleicht gerechtfertigt. Insgesamt betrachtet war er jedoch ein Armutszeugnis. Für Johannes B. Kerner und sein Team.

  4. Thomas Arndt schreibt:

    Das eigentlich journalistische Erkenntnis-Interesse von Kerner hätte sein müssen, für den Zuschauer rauszufinden, was Herman wirklich bezweckt. Es ist doch völlig klar, dass sie die Familienpolitik der Nazis nicht lobt. Sie bemängelt ja in Wirklichkeit, dass Werte die die Nazis missbrauch haben, mit dem NS abgeschafft wurden (obwohl sie vor den Nazis gut waren, und Herman diese jetzt immernoch gut findet).

    Kerner hätte das viel klarer herausstellen und dann fragen müssen, ob man das nicht deutlicher hätte trennen sollen, so dass es nicht missverständlich ist, jedoch ohne den NS grundsätzlich außen vor zu lassen?

    Oder ob, und das ist ja was ihr eigentlich vorgewurfen wird (obwohl es bei Kerner keiner anspricht, was auch komisch ist), es vielleicht beabsichtigt war, dass man es falsch versteht? Ob sie sich in der Rolle des Opfers wohlfühle usw.

  5. Reaktionen auf Herman bei Kerner-medienblogger schreibt:

    […] Auftritt von Eva Herman bei Johannes B. Kerner beschäftigt heute die gesellschaftliche Debatte in Deutschland. Dabei sind […]

  6. Die Nachrichten fressen ihre Mutter | Alles gut ? schreibt:

    […] Applaus die Bühne verliess. Warum ich das, was dazwischen passierte als ziemlich absurd empfand, erklärt der Medienblogger recht treffend: (…) Was im ZDF an diesem Abend geschieht ist seltsam. Denn der Punkt, und das wird auch am […]

  7. Stefan (nicht Niggemeier) schreibt:

    Hallo Thomas,
    dein Beitrag zur gestrigen Kerner-Sendung ist der beste, den ich bislang zum Thema finden konnte. Ich finde es unheimlich bitter, dass selbst jetzt noch, nachdem Herman explizit auf die Eigendynamik, die die Berichterstattung bekommen hat, hingewiesen hat, so unreflektiert in Zeitungen und anderen Blogs geschrieben wird.
    Herman hat, das geht aus den Tonaufnahmen tatsächlich unmissverständlich hervor, nicht mit Nazi-Ideologie kokettiert. Vielmehr hat schlicht und ergreifend eine Journalistin (die Autorin des Artikels im Hamburger Abendblatt, der die erste Veröffentlichung zum Thema war) einen Fehler gemacht und Hermans Aussagen falsch wiedergegeben.
    Erst im Anschluss daran, schoss sich die gesamte Medienlandschaft (inkluseve kerner gestern) auf Herman ein und warf ihr immer und immer wieder braunes Gedankengut vor - und obwohl Herman mit den Aufnahmen sogar beweisen kann, was sie tatsächlich gesagt hat und sich hundertfach vom Nationalsozialismus distanziert hat, hört man ihr einfach nicht zu und unterstellt ihr weiter unhaltbare Dinge. Man muss, das muss man so klar sagen, von einer Demontage Hermans sprechen.
    Das Ganze ist bigott: Herman soll sich öffentlichkeitswirksam für etwas entschuldigen, was sie gar nicht gesagt hat (siehe den unmöglichen Eintrag Niggemeiers, der offensichtlich die ganze Sache nicht verstanden hat), und weil sie das nicht tut, wird sie nun “hingerichtet” - und zwar von genau der Journaille, die vorher wochenlang Unwahrheiten über Herman verbreitet hat.
    Und Herman selbst hat keine Chance, ihren Ruf wiederherzustellen, denn dazu bräuchte sie wiederum die Journalisten.
    Das Ganze ist tatsächlich ein Lehrstück über ein sensationsgeiles und oberflächlich arbeitendes Mediensystem, das es, wenn es um eine gute Story geht, mit den Details nicht so genau nimmt.

    Und nochwas: Der konkrete Anlass für Kerners Entscheidung, Herman frühzeitig zu verabschieden, lag gar nicht in der Nazi-Debatte - die war zu dem Zeitpunt schon vorbei. Die Drohung Senta Begers, die Runde zu verlassen, resultierte aus der “normalen” Diskussion um Familienpolitik - auch völlig absurd eigentlich.

  8. Falk A. Zorn schreibt:

    Überall wird über Frau Herman geschrieben und diskutiert. Auf allen Presseportalen im Internet hagelt es Leserkommentare. Nur die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat die Kommentarfunktion auf FAZ.net zu diesem Thema abgeschaltet, weil sie eine Flut auch rechtsextremer Äußerungen befürchtet. Es lebe die Meinungsfreiheit.

  9. Eva Herman bei Kerner als Thema der Blogoszene « Sendungsbewusstsein schreibt:

    […] für Eva Hermans Position und auch nur Haltung wiedergegeben werden. Medienblogger fragt sich (Link), warum es Kerner nicht gelingt, sie vor sich selbst zu schützen […]

  10. Initiative schreibt:

    http://www.evaherman.net/

    http://evahermanfanclub.foren-city.de

  11. Segantini schreibt:

    @Robert:

    Du attestierst Eva dahingeplapperte Äußerungen, plapperst aber selbst munter nach, was in der Zeitung steht, ob wohl es nie (nie! auch nicht im entferntesten, nicht einmal dem Sinn nach!) gesagt wurde:

    «Wenn man nicht über Familienwerte der Nazis reden dürfe, könne man auch nicht über die Autobahnen sprechen, die damals gebaut wurden.»

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