Studivz: Alles halb so wild
Der Netzwerkdienst Studivz ist unter Bloggern nicht sonderlich beliebt, zumindest nicht unter den fundamentalistischeren Alphabloggern. Im letzten Jahr hat der Blogger Donalphonso mit der Akribie eines angloamerikanischen Enthüllungsjournalisten einige komische Sachen auf dem Portal “aufgedeckt”, zum Beispiel Stalking oder seltsame Nazi-Vergleiche.
Das Studivz-Bashing hat nachdrücklichen Eindruck bei den Blog-Fundis hinterlassen. Aktuell geht es um ein paar virale Internetvideos, die noch nicht veröffentlicht sind, und für StudiVZ werben sollen. Die Strategie dahinter: Die Videos sind in der Machart von typischen Uservideos, die man etwa auf Youtube sehen kann gehalten und enthalten in der Regel eine mehr oder weniger verdeckte Botschaft.
Das von der Bloggerin lanu betriebene Internetprojekt BooCompany zeigt eines der Videos, dass von der Agentur Aimaq Rapp Stolle zu diesem Zweck für StudiVZ gedreht wurde. Der Inhalt: ein paar gewalttätige Fleisch-Fans attackieren Vegetarier, verfüttern sie am Ende an Schweine. Die Botschaft lautet: Vegetarier essen meinem Essen das Futter weg.
Das Video ist gewagt und hätte es wahrscheinlich auch in einer US-Comedyshow schwer die Qualitätskontrolle zu passieren. Es ist allerdings deutlich als Satire zu erkennen und somit eigentlich unbedenklich, zumindest für die angesprochene Zielgruppe: Studenten, denen man unterstellen mag, Satire als solche zu erkennen.
Dennoch regen sich mal wieder alle auf.
Pikant ist die Geschichte vor allem deshalb, weil der größte Investor des Studivz mit zwei Millionen Euro die Holtzbrinck Ventures GmbH mit ist. Klar, dass hinter der Kritik und dem Bashing eines so erfolgreichen Web 2.0-Projekts wie StudiVZ auch Kalkül der Blog-Fundies steckt. Vielleicht ist es die kategorische Ablehnung der als unfrei empfundenen traditionellen Medienkonzerne, die grundsätzliche Ablehung einer auf den Profit orientierten Wirtschaft, dem die Tugenden der Web-Pioniere zum Opfer fallen könnten. Es ist eine seltsame Mischung aus dem und vielem mehr, dass sich dem außenstehenden nicht erschließt.
Auf jeden Fall ist es albern. Ein Spiegel Online Artikel beschreibt in diesem Zusammenhang sehr gut, dass Gruppen-Prinzip von StudiVZ. Neben der Frage Was passiert eigentlich mit meinen Daten, die sich bei allen Netzwerkportalen, Google, Freemailbetreibern usw. stellt, ist die Eigendynamik der Gruppen einer der Punkte, an denen StudiVZ immer wieder kritisch beobachtet werden wird. Schon die Politik-Community dol2day, auf der augescheinlich das das Prinzip der studivz-Gruppen beruht, hatte damit so einige Probleme. Aufgrund von durchaus auch erfolgreichen Bemühungen von Neonazis auf dol2day Fuß zu fassen, gelangte das Portal sogar in den Verfassungschutzbericht. Die Gemeinsamkeit: Ähnlich wie bei der StudiVZ-Gruppe “Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg” (auf die sich obiges Video offensichtlich bezieht) organisierten und organisieren sich Neonazis dort unter anderem ebenfalls in geschlossenen Benutzergruppen.
Ich selber bin bei StudiVZ nur in Gruppen zu meiner Stadt, meiner ehemaligen Schule usw. und nicht sonderlich aktiv. Ich kann mir allerdings gut vorstellen, dass sich in den Gruppen noch ganz viel schlimmere Sachen abspielen, als die etwas überzogene Vegetarier-Satire und ich finde es auch gut so. In einer Diskussion würde ich immer auf den Aspekt des “Sich mal austoben, Sau rauslassens” usw. verweisen. Wahrscheinlich eine Sünde, die viele in ihrer persönlichen und anonymen Internet-Vita haben. Das die Agentur genau darüber ein Video macht, ist eigentlich folgerichtig. Oder mit anderen Worten: Alles halb so wild, es gibt Schlimmeres im Internet.
Nachtrag 10.08.07: Die mediale Konkurrenz des Holtzbrinck-Verlags hat das Thema inzwischen auch aufgegriffen. Focus Online berichtet zum Beispiel darüber, dass die Blogosphäre empört ist. Ausgerechnet die. Eine Mail an die Autorin Claudia Frickel ist raus. ;)
8. August 2007 um 03:08
[…] Contact the Webmaster Link to Article youtube Studivz: Alles halb so wild » Posted at medienblogger on Tuesday, August […]
8. August 2007 um 10:42
Danke. Endlich sagt’s mal jemand.
Nicht dass ich die Videos gelungen, geschmackvoll oder angebracht fände, aber sooo schlimm sind sie dann auch nicht. Sie sind in erster Linie …. nicht gut halt. Oder bin ich schon so abgestumpft?
Und dennoch, nur so aus Neugier: ich würd ja doch zu gerne mal das Video zu “geile Frauen scheißen nicht” sehen ….
8. August 2007 um 13:09
Ein sehr guter Artikel! Endlich mal eine etwas andere Sicht auf StudiVZ und auch ein kritischer Blick auf einige unserer Alpha-Blogger. Weiter so!
8. August 2007 um 13:52
Oh mein Gott - magst Du nicht endlich mal anfangen, Dich mit einem Thema zu beschäftigen, bevor Du was schreibst? Holtzbrinck Ventures war vor vielen Monaten mal der grösste Investor, inzwischen aber sind sie die alleinigen Besitzer vohn StudiVZ, weil sie den Laden komplett gekauft haben, für 50 - 85 Millionen, wie es heisst. Und es macht schon einen kleinen Unterschied, ob ein kleines Startup mal Scheisse baut, oder die über 100 Mitarbeiter starke Vorzeigetruppe eines eher auf Qualität bedachten Medienriesen wie Holtzbrinck.
8. August 2007 um 15:08
Danke für die Ergänzung. War ja ganz schön teuer, dieses studivz.
8. August 2007 um 15:41
Siehe da! Kritik von allerhöchster Stelle….
Ok, die Beteiligung von Holtzbrinck war wohl falsch recherchiert. Aber den Schluss zu ziehen, dass kleine Noname-Startups anders handeln dürfen als solche im Eigentum prominenter Konzerne ist auch falsch!
Schlechtes Marketing, wenn es das wäre, fällt immer negativ zurück, egal ob mit oder ohne prominentem Investor. Und abgesehem vom Bashing in den Blogs: Wie finden denn die User von StudiVZ die neue Werbung?
Im Übrigen fällt mir gerade ein, dass man auf MTV (also im Fernsehen) immer mal wieder eine launige, britische Produktion sehen kann, bei der junge Erwachsene jeden nur erdenklichen Schwachsinn tun - bisweilen hart an der Ekel- und Geschmacksgrenze: Warum regt sich darüber keiner auf? Nur weil es keine deutsche Produktion ist?
9. August 2007 um 09:59
wenn die user von studivz diese videos lustig finden, dann kann ich nur sagen: arme (akademiker)welt.
das traurige an der sache ist aber, dass die meisten user jener studentischen (haha) platt(en)form diese videos nie zu gesicht bekommen werden und auch nix darauf geben, sich mal umzuhören oder ihren kopf in eine andere richtung zu drehen, als in die vorgegebene. das stinkt doch alles zum himmel.
wenn es so einfach ist, an der oberfläche zu bleiben, dann wird sich an diesem traurigen zustand bei der mehrheit nichts ändern.
9. August 2007 um 10:20
Das ist doch mal ein Artikel der logischeren Art. Gleiches habe ich bei mir immer mal wieder die letzten paar Monate geschrieben.
Ob die Videos gut oder schlecht sind ist sowas von egal siehe Fernsehwerbung von clipfish (oder war es sevenload?).
Die aufgedeckten “bösen Scherze” in Zusammenhang mit Studvz sind zumeist in der Anfangsphase aufgetreten, also vor dem Kauf durch HB. Das verdrehen immer noch einige ABlogger.
Noch schlimmer ist jedoch die Dummheit von Einzelfällen auf die Plattform zu schließen, die >2,4 Mio freuen sich bestimmt nicht darüber.
Ich denke die ABlogger suchen Reichweite um jeden Preis, hautpsache unlogisch und kontrovers im Bezug auf Studivz. Für mich klingt das alles nach Neid :)
10. August 2007 um 01:57
“Ich denke die ABlogger suchen Reichweite um jeden Preis, hautpsache unlogisch und kontrovers im Bezug auf Studivz.”
Die Blogosphäre wird eben von Blogfundis dominiert, die eben auch was auf dem Kasten haben und entsprechend recherchieren und gute Ergebnisse liefern. Leider eben auch sehr ideologisch motiviert. Sieht zumindest so aus.
Das ändert sich aber irgendwann auch nochmal.
11. August 2007 um 14:58
[…] Riesen-Ärger ums StudiVZ: Der besorgte Vater einer 13-Jährigen hat bei der Kriminalpolizei in Schwatzingen Anzeige gegen […]
28. November 2007 um 01:53
Wegen der Gruppen sollen alle mal nicht so ne Welle machen… (damit meine ich nicht Nazi-Gruppen oder sonstige wirklich bösen Gruppen) aber die Vegetarier-Gruppen u.a. sind einfach nur witzig.
wer sich mal einen überblick über Gruppen verschaffen möchte der sollte mal auf www.studigruppen.de schauen. Das ist eine ganze Website über studivz gruppen.