Zensur-Debatte um Welt Online:
Eine Chronologie der Ereignisse

posener

Das Aufregerthema der Woche in der Blogosphäre war vermutlich die “Debatte” um einen gelöschten Blog-Eintrag von Welt am Sonntag-Kommentarchef Alan Posener (Vielen Dank an Martin Hagen für die tolle Photoshop-Montage) auf dem hauseigenen Blogportal “Welt Debatte” bei Welt Online. Darin kritisiert Posener die Haltung des Chefredakteurs der ebenfalls zum Axel Springer Verlag gehörenden Bildzeitung, Kai Diekmann, zur 68er Generation in dessen angekündigtem Buch “Der große Selbstbetrug”. Unter anderem schreibt Posener:

Die 68er zwingen ihn noch heute, täglich auf der Seite 1 eine Wichsvorlage abzudrucken, und überhaupt auf fast allen Seiten die niedrigsten Instinkte der Bild-Leser zu bedienen, gleichzeitig aber scheinheilig auf der Papst-Welle mitzuschwimmen.

Kurz nach Erscheinen wurde der Beitrag Poseners gelöscht, es entbrannte eine Debatte um Zensur, verlagsinterne Demokratie und das Verhältnis von alten (Verlag, Tageszeitung) und neuen Medien (Blogs).

Das Bemerkenswerteste fasse ich an dieser Stelle zusammen:


  • Einen Tag vor der Zensur durch seinen Verlag, am 8. Mai, verfasste Posener ironischerweise selbst einen Beitrag “Wozu Zensur gut ist”, in dem er gelöschte Beiträge eines vermeintlichen “Trolls” rechtfertigt.
  • Am Mittwoch, 9. Mai, verfasst Posener seinen kritischen Beitrag über Diekmann, den man zum Beispiel hier immernoch nachlesen kann. So wie an vielen anderen Stellen im Netz ebenfalls.
  • Der Beitrag wird gelöscht. Springer veröffentlich auch eine Begründung, in der Poseners Eintrag als “Entgleisung”, “unkollegiale Geste” und “Verächtlichmachung von Kollegen” bezeichnet wird.
  • Die Blogossphäre beginnt über das Thema zu diskutieren,
  • Onlinejournalismus und j20 beklagen zum Beispiel die (mangelnde) innere Pressefreiheit. Auch Spiegel Online berichtet über den Fall.
  • Am 10. Mai schaltet sich Stefan Niggemeier, Promiblogger und bekannter Kritiker unter anderem auch des Springer Verlages, in die Debatte ein. Vor dem Hintergrund der Springer-Begründung, der Blogeintrag sei “ohne Wissen der Chefredaktion” veröffentlicht wurden, stellt Niggemeiner die berechtigte Frage, ob denn die bekannten Welt-Blogger, wie Don Dahlmann und Daniel Fiene, ihre Texte vorher zur Kontrolle vorlegen müssen und wie das überhaupt so sei, auf Welt Debatte zu bloggen.
  • Don Dahlmann antwortet Niggemeiner noch in den Kommentaren, dass dem nicht so sei, er völlig frei schreiben könnte.
  • Blogger DonAlphonso weist darauf hin, dass man in dieser Diskussion jetzt nun nicht ausgerechnet Alan Posener zujubeln soll.
  • Am Freitag, 11. Mai, legt Niggemeiers anderes Blog, das Bildblog, nochmal nach: Die Bildblogger haben bei Welt Online noch einen Fall von Diekmann Zensur gefunden.
  • Ebenfalls am Freitag verfasst Tim Bonnemann, der für Welt Debatte aus Silicon Valley bloggt, einen Beitrag zu dem Thema, und zwar auf Welt Debatte, wo nun schon zwei Stellen diskutiert wird: Einmal bei Bonnemann und einmal in Poseners Beitrag vom Dienstag zur Zensur (siehe oben).
  • Die Versuche Poseners Orginaltext bei Welt Debatte zu posten, scheitern indessen. (via j20)
  • Mit all dem ist die Diskussion noch lange nicht zu Ende. Während Poseners Text in einem unabhängigen Blog vermutlich für wenig Aufsehen gesorgt hätte, so wurde er bei Welt Debatte zum Politikum.
    Nun stellt sich nun die Frage nach den Grenzen der Debatte bei Welt Online: Was wäre passiert, wenn nicht Posener, sondern irgendein Blogger diesen Text verfasst hätte? Welche Möglichkeiten der Kritik etwa am Hause Springer und seinen Akteuren hat ein Blogger bei Welt Debatte überhaupt, ohne zensiert zu werden? Und schließlich: Lassen sich Blogs und Verlagswesen überhaupt miteinander vereinbaren?

    Nachtrag: Hier geht die Diskussion weiter.

    11 Kommentare zu “Zensur-Debatte um Welt Online:
    Eine Chronologie der Ereignisse”

    1. massenpublikum schreibt:

      Vor allem stellt dieser Vorfall das ganze Projekt “Welt Debatte” infrage.

    2. Thomas Arndt schreibt:

      Für mich als Blogger auf jeden Fall. Ich habe keine Lust da etwas zu schreiben. Aber lesenswert sind die Beiträge der anderen, also die die nicht zensiert werden *fg*, auch. Kann man sich ruhig mal durchklicken. Schade aber, dass der Chef so wenig da schreibt. Der soll sich mal das tagesschau-Blog anschauen: So wirds gemacht! Redaktionelle Transparenz und so.

    3. IvD schreibt:

      Offengestanden – ich hadere mit mir. Ich stelle mir vor, wie ich reagiere, wenn einer meiner Kollegen mich auf einer „unserer“ Websites (freilich zu einem anderen Thema) in dieser Form zur Rede stellt und frage mich, ob es eine Frage der Pressefreiheit ist, eine so unternehmensschädliche Position im eigenen Unternehmen zu unterbinden? Manchen gefällt der Gedanke, dass die öffentliche Meinungsbildung der Öffentlichkeit gehört; das ist naiv, vor allem aber ist es falsch. Immerhin ist eines klar: auch ein Verlag, der in seinen Podukten der Meinungsfreiheit verpflichtet wäre (sagen wir: mehr oder weniger …) ist selbst keine demokratische Veranstaltung, kann es auch nicht sein. Ich frage mich auch, ob die ASV-Zensur eingegriffen hätte, wenn sich Posener nicht auf so unappetittliche Weise im Ton vergriffen hätte, oder, anders gesagt, ob Posener selbst nicht die (zumindest wünschenswerten) Regeln der Meinungsbildung untergraben hätte.

    4. Thomas Arndt schreibt:

      “Ich stelle mir vor, wie ich reagiere, wenn einer meiner Kollegen mich auf einer „unserer“ Websites (freilich zu einem anderen Thema) in dieser Form zur Rede stellt…”

      Das habe ich mich gestern auch noch gefragt. Möglicherweise hätte ich in einem solchen Fall auch zur Zensur gegriffen.
      Allerdings ist Diekmann ja eine viel öffentlichere Person, als das ein Blogger innerhalb der Blogosphäre als Teilöffentlichkeit ist. Und wenn Diekmann ein Buch schreibt zu einem Thema und Posener sicher nicht zu Unrecht der Meinung ist, Diekmanns Thesen und Argumente sind scheinheilig, dann muss er das auch sagen dürfen, auch bei Welt Debatte.
      Vermutlich war es ja wirklich nur der (unangebrachte) Ton, in dem Posener das tat. Allerdings: Für Weblogs ist solche Polemik ja nichts ungewöhnliches.

    5. Sven Wallmann schreibt:

      Dumm war es, den Beitrag von Herrn Posener zu löschen. Allerdings steht Herr Diekmann in der Hierarchie des Axel Springer Verlages viel höher als sein Kritiker. Und indirekt finanziert BILD die WELT.
      Auch BILDblog lebt von [den Fehlern] der BILD-Zeitung. Gäbe es keine [Fehler der] BILD-Zeitung, gäbe es auch kein BILDblog. Der Medienblogger könnte auch ohne BILD existieren.

    6. massenpublikum schreibt:

      Herr Wallmann, was würden Sie nur ohne Bildblog machen?

    7. oberschichtenfernsehen.de schreibt:

      Welt-Autor vs. BILD…

      Alan Posener, Kommentarchef der “Welt am Sonntag”, hat sich über BILD-Chef Kai Dieckmann ausgelassen. Das mochte Springer scheinbar nicht und hat den Beitrag von Posener gelöscht. Peter Turi hat dankenswerterweise eine Sicherheits…

    8. Welt-Debatte ab jetzt zensiert-medienblogger schreibt:

      […] ging ja schnell: Nach der Zensur-Diskussion um Alan Posener bei Welt Debatte gibt “Welt Online”-Chefredakteur Christoph Keese im […]

    9. Filmjournalisten.de schreibt:

      Journalismus vs. Blogs…

      Das Wesen eines Blogs unterscheidet sich grundsätzlich vom Wesen einer redaktionellen Publikation. Dies nicht präsent zu haben, kann schnell zu bitteren Erfahrungen führen:
      Ein Blog ist stets privater Natur und enthält persönliche Meinungen eines …

    10. text-gold.de - Online-Redaktionen, Online-Redakteure, Online-Texte schreibt:

      […] hin hat Chefredakteur Christoph Keese - WELT ONLINE-Chefredakteur diesen Beitrag entfernt. Die Geschichte ist nicht mehr ganz neu und ich will an dieser Stelle nicht auch noch meine Meinung dazu liefern, […]

    11. Wolfo schreibt:

      Mann kann ihre Tendenzen publik machen:

      www.entzensur.wordpress.com

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