Ferres, Will und die DDR

Ein Beitrag zum Themengebiet Mattscheibe, Politikum, geschrieben am 30. September 2007 von Thomas Arndt

Anders als in der vergangenen Woche auf RTL mit der Prager Botschaft ist es den Beteiligten bei der ARD mit “Die Frau vom Checkpoint Charly” gelungen, eine realistischen und spannenden Beitrag zum alljährlichen Oktoberthema “DDR” zu leisten. Es ist die wahre Geschichte einer Mutter aus Erfurt, die auf der Flucht in den Westen verhaftet und von ihren beiden Töchtern getrennt wird, die die Schicksale vieler DDR-Dissendenten und dem moralischen Unrecht, das ihnen widerfuhr in den Mittelpunkt rückt.

Die DDR als Unrechtsstaat, es ist die offizielle Geschichtsdeutung durch den neuen gesamtdeutschen Staat. Über 15.000 Seiten hat eine Enquete-Kommission zu den Verbrechen der DDR-Diktatur aufgeschrieben und damit die offizielle Geschichtsdeutung vorgegeben, die eben die Unrechtsstaatlichkeit und Repressivität der DDR als wesentliches Merkmal in den Mittelpunkt rückt.

Diese Problemlage erkennt auch Theologe und Publizist Friedrich Schorlemmer in der anschließenden Diskussionsrunde bei Anne Will: “Wer das machte, musste auch wissen, was er sich eventuell zumutet”, entfährt Schorlemmer Überraschendes über die vermeintliche Rechtsstaatlichkeit der DDR, während Flüchtling Jutta Gallus-Fleck neben ihm sitzt. Selber Schuld sozusagen. Ein größeres Fettnäpfchen hat der der Realität entrückte Geisteswissenschaftler offensichtlich gerade nicht gefunden. Er plädiert jedoch richtigerweise aber an falscher Stelle dafür, den Blick nicht auf die Verbrechen des DDR-Regimes zu verengen. Gedanken, die PDS-Pumuckel Petra Pau sich nicht traut zu sagen. Sie beschränkt sich lieber auf Selbstverleugnung - Motto: Ich hab davon nix gewusst.

Unterm Strich jedoch ist es dann Veronica Ferres, die im Film die der realen Jutta Gallus-Fleck nachempfundene Sara Bender spielt, die die richtigen Worten für das Schicksal von Gallus-Fleck und die Divergenz zwischen den DDR-Verbrechen, der abweichenden Lebenswirklichkeit vieler DDR-Bürger und die Wahrnehmung der DDR-Diktatur seinerzeit durch den Westen findet.

Den zweiten Teil gibts am heutigen Montag auf der ARD, 20:15 Uhr.

Neuer Name, alte Zeiten: Anne Will

Ein Beitrag zum Themengebiet Mattscheibe, geschrieben am 16. September 2007 von Thomas Arndt

Der erste Gesprächspartner an diesem Abend ist jemand aus dem Volk. Kerstin Gräser, Callcenter-Mitarbeiter, 800 Euro netto, sitzt auf dem weißen eckigen Sofa, mit dem Rücken zum Publikum. Sie darf als erste etwas zum Thema “Rendite statt Respekt - Wenn Arbeit ihren Wert verliert” sagen. Es ist die erste Talksendung von Anne Will als Nachfolgerin von Sabine Christiansen.

Danach geht Anne Will zur eigentlichen Talkrunde über. Die prominenten Gäste sitzen in roten Ledersesseln ohne erkennbare Lehne, brauchen also ein kräftiges Rückgrat. Margot Käßmann, Landesbischöfin von Schleswig Holstein, zitiert zum Thema erstmal Martin Luther und Max Weber. Danach dürfen SPD-Bärchen Kurz Beck, Telekom-Oberausbeuter Rene Obermann und Jürgen Rüttgers, Ministerpräsident mit Nähe zum Proletariat über die Arbeit und menschenwürdige Arbeitsbedingungen diskutieren. “Lieber Herr Rüttgers, das was sie sagen hat mit der Wirklichkeit der Unionspolitik soviel zu tun, wie ne Kuh mit ner Strahlenkanone”, sagt Beck. Oder so ähnlich. Es ist das übliche. Wenn man die Augen schließt, könnte man fast sogar meinen Anne Will ist Sabine Christiansen. Ihre Moderation nahezu identisch, ebenso die Intonation, nur weniger fahrig wirkt sie, eher gelassen und bestimmt.

Das Studio wirkt warm und kühl zugleich. Warm sind vor allem die gelb, rot und orangen Farben im Hintergrund, die wie heiße Lava durchs Bild fließen. Kühl sind die klaren und geometrischen Formen des Möbilars und das der Hintergrundbilder, die mehr Ecken haben, als so mancher Politiker. Es solle niemand glauben, dass es in ihrer Sendung „kuschelig“ zugehen werde, betonte Will ungefragt bei der Präsentation ihres Studios, schreibt die Frankfuter Allgemeine Zeitung: „Sonst hätten wir noch einen Teppich reingelegt“.

Später wechselt Will noch einmal zur weißen Couchecke, wo dann ein Arzt sitzt, der Burn Out-Patienten behandelt, im Hintergrund sind mit ausreichendem Abstand noch die Prominenten zu erkennen. Ob dieser Schnitt zwischen Politischer Klasse, Wirtschaft, Kirche auf der einen Seite und dem Volk auf der anderen Seite so beabsichtigt ist? Zumindest bekommen die Talk-Gäste mehr Raum, als wenn sie direkt aus dem Studiopublikum heraus befragt werden würden, wie bei Christiansen. Ein direkter (kommunikativer) Kontakt zwischen Volk und Politiker scheint nicht erlaubt zu sein, er muss über die Moderatorin, die vierte Macht, nämlich den Journalismus erfolgen.

Aber auch zwischen den Mitgliedern der Elite kommt kein Dialog/Diskussion zu Stande. Auf dem Karomuster, dass einen Teil des Bodens bedeckt, wirken sie wie Figuren aus einem rundenbasierten Computerspiel. Lediglich am Ende geraten Beck und Rüttgers aneinander. “Herr Beck, wir reden nächste Woche weiter”, sagt Will dann aber abschließend und unterbricht den Streit. Es klingt wie eine Drohung: Wird Kurt Beckung in jeder Sendung zu Gast sein?

Anne Will ist also eher eine Befrage-, als eine Talk-Show, ein abgefilmter Agentur-Text, jedoch ohne nachrichtlichen Wert - oder war ihnen neu, dass man von seinem Einkommen leben können muss, dass Hartz IV für viele zu einem Schlagwort geworden ist oder dass wir bei der Arbeitslosigkeitsbekämpfung jetzt nicht aufhören dürfen? Das sind die Erkenntnisse dieses Abends. Und eine weitere noch: Es ist alles wie immer, am Talkshow-Sonntag.

Nachtrag 17.09.: Will bzw. die Redaktion der Sendung hat ein eigenes Weblog (via off the record).

Faszination RAF

Ein Beitrag zum Themengebiet Mattscheibe, Politikum, geschrieben am 10. September 2007 von Thomas Arndt

Gestern und heute läuft auf der ARD eine Dokumentation über die Rote Armee Fraktion (RAF). “Die RAF” von Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust und Helmar Büchel ist vermutlich ein neuer Höhepunkt in der journalistischen Aufarbeitung der Geschichte der RAF. Dabei hätte ich das zumindest nicht von Aust erwartet. Mit journalistischer Distanz wird die Geschichte der RAF dem Zuschauer so nah gebracht gebracht wie selten zuvor.

“Es gibt Dokumentationen, die sind spannender als ein Krimi, und in diesem Fall handelt es sich um eine solche”, schreibt die FAZ. Die eigentliche Faszination des Stücks liegt dabei vermutlich in den teilweise erstmals verwendeten Ton-Dokumenten und ihrer Präsentation innerhalb der Reportage. Ohne Romantisierung der Revolutionäre gelingt Aust und Büchel ein Portrait der charismatischen Füher wie Enslin und Baader als auch den vielen anderen in der zweiten Reihe, die natürlich, allen voran Peter-Jürgen Boock, wieder einmal zu Wort kommen.

35 Menschen sind Opfer des Terrors der RAF geworden, das sind nicht viele verglichen mit den Kriegen die demokratische Staaten in der letzten 30 Jahren geführt haben. Aber sie sind wichtig, weil sie so bedinglos zum “politischen Kampf” von Leuten gehörten, die aus der Mitte der Gesellschaft stammten, die sie bekämpften. In diesem Herbst jährt sich der Deutsche Herbst zum 30 Mal. Die Geschichte der RAF ist vermutlich deshalb so faszinierend, weil es auch heute noch so unglaublich ist, dass es sie überhaupt gab. Aber auch deswegen, weil sie vermutlich den innersten und abgründigsten Wünsche des “guten Menschen” in der kapitalisierten Welt eine Projektionsfläche bietet. Ein Josef Ackermann zum Beispiel als Terroropfer, erschöpft und müde von einer Geiselnahme, in Todesangst anstelle arrogantem Victory-Zeichen… wer würde da nicht eine gewisse Befriedigung empfinden… Denken wir nicht weiter drüber nach.

PS: Schade, dass das die ganze Sache mit einer Diskussionsrunde bei Reinhold Beckmann abgerundet werden muss. Das hat die RAF nun wirklich nicht verdient, und Stefan Aust auch nicht.

ARD und die Pharma-Mafia

Ein Beitrag zum Themengebiet Mattscheibe, Politikum, geschrieben am 5. September 2007 von Thomas Arndt

Pillen

In der ARD-Ärzteserie “In aller Freundschaft” wurde offensichtlich jahrelang Schleichwerbung für Medikamente platziert. Zwischen 2002 und 2004 soll die Bavaria-Tochter BSM 250.000 Euro allein mit Medikamentenschleichwerbung in dieser ARD-Serie eingenommen haben. Das geht aus einem Papier der PR-Agentur hervor, die die Deals eingefädelt hat. Das berichtet der Stern.

Bislang war nur bekannt, dass es in der ARD-Serie Schleichwerbung gegeben hatte, mit den neuen Enthüllungen sind nun auch die betreffenden Medikamente ans Tageslicht gekommen. Brisant: Die Pharma-Mafia hat mittels ihrer PR-Gefolgsleute auch verschreibungspflichtige Medikamente in der Serie platziert. In Deutschland ist Werbung für solche Medikamente grundsätzlich nur beim Fachpublikum erlaubt. Damit gerät die ARD und die betreffenden Akteure in besonders schlechtes Licht. Nicht nur Geldgier sondern auch Verantwortungslosigkeit müssen sich die verantwortlichen jetzt vorwerfen lassen.

Foto: Vangelis Thomaidis

ARD, ZDF und die Digitalisierung

Ein Beitrag zum Themengebiet Netzwelten, Mattscheibe, Medienrauschen, geschrieben am 29. August 2007 von Thomas Arndt

Der Streit um die Digitalisierungspläne von ARD und ZDF geht in eine neue Runde. Diesmal gibt es einen Schlagabtausch auf oberster Ebene:

Als “völlig überzogen” hat der Vorsitzende der ARD, Fritz Raffke Kritik an den Digitalplänen von ARD und ZDF bezeichnet. Das geht aus einer Pressemitteilung der ARD hervor.

Der Präsident des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT), Jürgen Doetz hatte die Digitalpläne der ARD und des ZDF scharf kritisiert. “Online- und Mobile-Angebote gehören nicht zum Kernauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks”, sagte Doetz auf der Medienwoche Berlin-Brandenburg. Doetz weiter: “Es kann nicht sein, dass ARD und ZDF sich bis 2009 ungehindert gebührenfinanziert ihre digitale Wunschwelt bauen und Fakten schaffen, die die Anforderungen der EU-Kommission außer Acht lassen.”

Raffke hingegen bezeichnete die Pläne der ARD für die digitale Welt als “maßvolle und an den finanziellen Möglichkeiten der ARD orientierte Weiterentwicklung”. Mit Blick auf neue Verbreitungswege, neue Empfangsmöglichkeiten und die sich verändernde Mediennutzung sei eine solche Weiterentwicklung unverzichtbar. Und an den Präsidenten des VPRT gerichtet witzelte Raffke: “Wenn Herr Doetz schon vor 40 Jahren für den VPRT auf der IFA gewesen wäre, dann hätte er der ARD wahrscheinlich auch den Einstieg ins Farbfernsehen verbieten wollen.”

ARD vermittelt Kontakt zu Taliban

Ein Beitrag zum Themengebiet Mattscheibe, geschrieben am 26. Juli 2007 von Thomas Arndt

Schonmal versucht ne Presseanfrage bei den Taliban zu stellen oder vielleicht Lust, selbst beim Krieg gegen die westlichen Ungläubigen mitzumachen?

Alles kein Problem, das ARD Morgenmagazin hilft mit kompetenten Ansprechpartnern für ein Millionenpublikum. Martin Jäger vom Auswärtigen Amt erklärt im ARD-Interview mit Werner Sonne nämlich, dass die Taliban nicht auf Bäumen sitzen und Früchte schälen, nein: Sie haben sogar eine richtige Propaganda-Abteilung!

Zum Beweis hält er E-Mail-Adressen und Telefon-Nummern der Ansprechpartner in die Kamera:

Taliban

Sehr schön. Jetzt kann Bastian, 14, Killerspieler sich endlich Tipps für seinen Amoklauf holen und Direktmarketing- und Spamversender können Potenzmittel und Jungfrauen feilbieten.

Kurios!

Das komplette Video gibts hier.

Schmidt und Pocher
kriegen gemeinsame Show

Ein Beitrag zum Themengebiet Mattscheibe, geschrieben am 14. Mai 2007 von Thomas Arndt

Es klingt wie ein Aprilscherz, es ist aber offensichtlich wahr: Harald Schmidt und Oliver Pocher werden eine gemeinsame Show bekommen. Das teile die ARD heute mit. Ab 25. Oktober 2007 soll die einstündige Sendung “Schmidt und Pocher” immer donnerstags 22:45 Uhr zu sehen sein, also auf Harald Schmidts angestammtem Sendeplatz. 22 Folgen sind zunächst geplant.

Für Oliver Pocher, bislang eher bei der jüngeren Zielgruppe beliebt und bekannt, könnte die Moderatoren-Rolle an der Seite von Altmeister Harald Schmidt der große Durchbruch werden. Schon bei seinem Comedy-Auftritt in “Unsere Besten” konnte Pocher ein größeres Publikum von sich überzeugen. ARD-Programmdirektor Dr. Günter Struve sieht Pochers Potenzial offensichtlich auch: “An der Seite von Harald Schmidt im Ersten wird Oliver Pocher - da bin ich mir sicher - ganz schnell zum A-Promi aufsteigen.”

Interessant könnte die Late-Show vor allem auch für alle Fernseh-Junkies werden. Harald Schmidt beschreibt das Konzept so: “Herr Pocher und ich werden wöchentlich auf das einschlagen, was wir am meisten lieben: das Fernsehen.”

Das kommt einem bekannt vor, nämlich aus TV Total. Tatsächlich könnte die Kombination Schmidt und Pocher zumindest am Donnerstag eine harte Konkurrenz für Stefan Raab werden.

Brüssel: Rundfunkgebühren dürfen bleiben

Ein Beitrag zum Themengebiet Politikum, geschrieben am 25. April 2007 von Thomas Arndt

GEZ

Jetzt ist er beigelegt, der jahrelange Streit zwischen EU-Kommission und Bundesregierung um die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Gestern stellte die EU-Kommission nach mehr als zwei Jahren das Verfahren gegen die Bundesregierung wegen unzulässiger Beihilfen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein.
Ergebnis: ARD und ZDF müssen in Zukunft ihre Finanzen transparenter machen. Öffentlich-rechtlicher Auftrag und kommerzielle Tätigkeiten sollen damit schärfer getrennt werden. Bereits im Dezember hatten die Bundesländer einen Kompromiss hinsichtlich eines neuen Rundfunkstaatsvertrag erzielt, was in Brüssel auf Genugtuung stieß.
Die privaten Rundfunksender hatten sich in Brüssel darüber beschwert, dass ARD und ZDF die Gebühren auch für kommerzielle Zwecke nutzen. Die Befürchtung: ARD und ZDF wollen dem Privatfunk in bestimmten Bereichen Konkurrenz machen, wo sie ja eigentlich nichts zu suchen hätten. Schließlich sei ihre Hauptaufgabe die Grundversorgung. Dennoch konnten sich die privaten Rundfunksender mit ihrer Forderung nach geringeren GEZ-Gebühren nicht durchsetzen.